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Nexans und der Tyrrhenian Link: HVDC-Unterseekabel in 2,150 Metern Tiefe

Mitarbeiter in Schutzhelm und Overall überwacht Navigationsbildschirm auf Offshore-Schiff mit Kabeltrommel im Hintergrund.

Während in Frankreich die politische Debatte um eine angebliche Deindustrialisierung hochkocht, bereitet ausgerechnet eines der Aushängeschilder der Industrie eine Leistung vor, die nur wenige Staaten überhaupt umsetzen können: Zwischen italienischen Inseln soll ein Hochspannungskabel in Rekordtiefe verlegt werden – fern von Licht, im bedrückenden Schweigen der Tiefsee.

Die Erzählung von Frankreichs „kranker Industrie“ bekommt Gegenwind

Frankreich gilt in vielen Kommentaren als schwindende Industrienation, eingeklemmt zwischen günstigen Wettbewerbern aus Asien und den Tech-Schwergewichten aus den USA. Doch in einer Nische, die für Energieversorgung und Datenströme strategisch geworden ist, spielt französisches Know-how weiterhin ganz vorne mit.

Ein aktueller Beleg dafür kommt von Nexans, dem französischen Spezialisten für Unterseekabel. Das Unternehmen wurde für eines der ehrgeizigsten europäischen Energie-Infrastrukturvorhaben ausgewählt: den Tyrrhenian Link, einen von Italiens Netzbetreiber Terna geplanten elektrischen Unterwasser-„Korridor“.

Über mehrere Hundert Kilometer soll der Tyrrhenian Link Sardinien, Sizilien und das italienische Festland mithilfe von Hochspannungs-Gleichstromkabeln (HVDC) miteinander verbinden. Auf einem Teilabschnitt wird die Trasse bis auf 2,150 Meter unter die Wasseroberfläche hinabreichen – ein neuer Weltrekord für diese Art von Stromkabel.

„In 2,150 Metern unter dem Meeresspiegel wird das in Frankreich gefertigte Kabel zur tiefsten HVDC-Verbindung, die jemals auf der Erde installiert wurde.“

Für Paris ist das mehr als ein angenehmer Exportauftrag. Es ist ein Signal, dass strategische industrielle Fähigkeiten in Bereichen fortbestehen, die für Souveränität, Versorgungssicherheit und zunehmend auch für geopolitische Interessen entscheidend sind.

Tyrrhenian Link: ein verborgenes Rückgrat unter dem Mittelmeer

Mit dem Projekt Tyrrhenian Link soll ein grundlegendes, aber ernstes Problem im Süden Italiens entschärft werden: Erzeugung und Verbrauch von Strom passen regional häufig nicht zusammen.

Sardinien kann – dank guter Windbedingungen und wachsender Solarleistung – zu bestimmten Tageszeiten mehr Elektrizität produzieren, als vor Ort benötigt wird. Sizilien sowie die dicht besiedelte Region Kampanien rund um Neapel zeigen dagegen unregelmässigere Nachfrageverläufe und sind stark auf Zufuhren vom Festland angewiesen.

Inseln und Festland in Echtzeit ausbalancieren

Nexans übernimmt den westlichen Abschnitt des Vorhabens, der von Südsardinien bis nach Fiumetorto an der Nordküste Siziliens führt. Dabei werden mehrere Hundert Kilometer Kabel auf dem Meeresboden verlegt; der tiefste Teil der Strecke fällt dabei über die Marke von 2,150 Metern.

Das Konzept ist leicht zu erklären, die Wirkung jedoch erheblich: Produziert Sardinien zeitweise zu viel erneuerbaren Strom, kann diese Überschussenergie nach Sizilien und weiter in das Festlandsnetz transportiert werden. Zieht die Nachfrage auf Sizilien stark an, lässt sich der Stromfluss entsprechend umkehren.

„Als unsichtbare elektrische Brücke macht das Kabel aus drei getrennten Systemen ein einziges flexibles Netz.“

Zum Einsatz kommt Hochspannungs-Gleichstrom, weil sich damit Energie über grosse Distanzen mit geringeren Verlusten übertragen lässt als mit klassischen Wechselstromsystemen. Genau das ist entscheidend, wenn über Hunderte Kilometer hinweg Hunderte Megawatt durch ein Kabel fliessen, das auf dem Meeresboden liegt.

  • Technologie: HVDC-Untersee-Stromkabel
  • Tiefenrekord: 2,150 Meter unter dem Mittelmeer
  • Westroute: Südsardinien bis Fiumetorto (Sizilien)
  • Gesamtkosten des Projekts: €3.7 billion investiert von Terna
  • Wichtigster Lieferant: Nexans, mit Sitz in Frankreich

Ingenieurarbeit in 2.000 Metern Tiefe: Präzision unter erdrückendem Druck

Unter der Wasseroberfläche wird sichtbar, wie anspruchsvoll die Aufgabe tatsächlich ist. In mehr als 2.000 Metern Tiefe liegt der Druck grob bei dem 200-Fachen des Oberflächendrucks. Die Temperaturen sind nahe am Gefrierpunkt, Strömungen können plötzlich umschlagen – Spielraum für Improvisation gibt es praktisch nicht.

Nexans setzt dafür einige der modernsten Kabelverlegeschiffe ein, darunter die Nexans Aurora. Das 149 Meter lange Spezialschiff kann mehr als 10,000 Tonnen Kabel aufnehmen und verfügt über dynamische Positionierung, ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge sowie Werkzeuge zum Graben und Trenchieren am Meeresboden.

„Jeder Meter Kabel muss beinahe mit chirurgischer Sorgfalt verlegt werden – entlang einer vorher festgelegten Route, um Hänge, Felsen und bestehende Infrastruktur zu vermeiden.“

Aus dem Kontrollraum an Bord verfolgen die Teams Zugspannung, Verlegegeschwindigkeit, Profile des Meeresbodens und die Wetterlage in Echtzeit. Wird das Kabel zu stark gezogen, drohen Schäden. Liegt es zu locker, kann es sich verhaken oder ungünstig abknicken – mit Folgen, die die mechanische Stabilität über Jahrzehnte beeinträchtigen.

Sind die Abschnitte einmal platziert, werden Kabelteile häufig mit Unterwasserpflügen oder Spüldüsen eingegraben, um sie vor Ankern, Fischereiaktivitäten und möglicher Sabotage zu schützen.

Rekordleistung – und zugleich ein Praxislabor

Die Rekordtiefe ist spektakulär, doch für europäische Energieplaner ist etwas anderes mindestens ebenso wichtig: Der Tyrrhenian Link zeigt, was technisch und wirtschaftlich inzwischen machbar ist.

Solche „Stromautobahnen“ unter Wasser können abgelegene Inseln anbinden, Offshore-Wind-Cluster verbinden oder ganze Staaten koppeln. Verbindungen existieren bereits etwa zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich, Norwegen und Deutschland oder Dänemark und den Niederlanden. Längere und tiefere Routen eröffnen zusätzliche Optionen – insbesondere im Mittelmeerraum und im Nordatlantik.

Für Italien bedeutet der Tyrrhenian Link die Chance, das Netz zu stabilisieren und mehr erneuerbare Energien einzubinden, ohne sich ausschliesslich auf lokale Reservekraftwerke zu verlassen. Für Nexans ist das Projekt zugleich ein Referenzvorhaben, das künftige Ausschreibungen weltweit unterstützen kann.

Französische Unterseekabel-Kompetenz: ein leises strategisches Pfund

Hinter dem Projekt steht eine Stärke Frankreichs, die selten im Rampenlicht steht. Das Land stellt inzwischen grob ein Drittel der weltweiten Flotte an Kabelverlegeschiffen, die für Strom- und Telekommunikationsverbindungen eingesetzt werden. Für eine mittelgrosse Industriewirtschaft ist das eine bemerkenswerte Ausgangslage.

Französische Schiffe und Teams sind im Atlantik, in der Nordsee, im Mittelmeer und in asiatischen Gewässern unterwegs. Sie verlegen sowohl Energieleitungen als auch Glasfaser-Seekabel, über die der Grossteil des internationalen Internetverkehrs läuft.

„Die Kontrolle über Unterseekabel wird in Paris zunehmend als Instrument der Souveränität betrachtet – fast auf einer Stufe mit Satelliten oder sicheren Rechenzentren.“

Jüngste Vorfälle, darunter Schäden an Gaspipelines und Kommunikationskabeln in der Ostsee, haben die Sorgen vieler europäischer Regierungen verstärkt. Je stärker Wirtschaft und Gesellschaft von digitalen und elektrischen Flüssen abhängen, desto verwundbarer werden diese Leitungen in Krisen.

Vor diesem Hintergrund sind Industrieunternehmen wie Nexans nicht mehr nur Exporteure. Sie werden Teil einer breiteren strategischen Debatte, in der auch Verteidigung, Cybersicherheit und Aussenpolitik eine Rolle spielen.

Electra: Frankreichs nächstes Schwergewicht unter Wasser

Der Auftrag für den Tyrrhenian Link ist nicht das Ende der Entwicklung. Nexans stellt derzeit ein neues Flaggschiff fertig, die Nexans Electra, die die französische Position weiter festigen soll.

Die Electra wird aktuell in Norwegen ausgerüstet. Sie ist 155 Meter lang und gezielt für gross angelegte Untersee-Kampagnen konzipiert. An Bord befinden sich zwei riesige Kabelkarussells mit 10,000 und 3,500 Tonnen Kapazität sowie ein eigener 450-Tonnen-Tank für Glasfaserkabel. Ein hybrides Antriebssystem, das mit Biokraftstoffen kompatibel ist, senkt Emissionen und reduziert den Lärm während der Einsätze.

„Mit der Electra will Nexans lange Missionen aneinanderreihen und Strom- sowie Datenkabel über Ozeane verlegen, ohne ständig in den Hafen zurückkehren zu müssen.“

Das Design ist auf Autonomie, Genauigkeit und Anpassungsfähigkeit ausgelegt. Unterschiedliche Kabeltypen lassen sich in einer einzigen Kampagne handhaben – ein Vorteil bei Projekten, die Offshore-Windanbindungen, Interkonnektoren und Telekommunikationsverbindungen im selben Gebiet kombinieren.

Da Offshore-Windparks weiter von den Küsten abrücken und in grössere Wassertiefen vordringen, dürfte die Nachfrage nach solchen Schiffen steigen. Der französische Konzern positioniert sich damit als bevorzugter Partner für Regierungen und Versorger, die Multi-Gigawatt-Projekte planen.

Warum tiefe Unterseekabel den Alltag beeinflussen

HVDC-Kabel und Glasfaserleitungen sind kaum sichtbar. Trotzdem prägen sie viele Alltagshandlungen – und sie beeinflussen politische Entscheidungen, die erst noch anstehen.

Von Streaming bis Netzstabilität

Auf der Datenseite transportieren Unterseekabel mehr als 95% des weltweiten Internetverkehrs. Satelliten bekommen viel Aufmerksamkeit, doch Streaming-Marathons, Cloud-Computing und der Handel an Finanzmärkten stützen sich überwiegend auf Glasfasern, die auf dem Meeresboden liegen.

Auf der Energieseite können Vorhaben wie der Tyrrhenian Link höhere Anteile von Wind- und Solarstrom erleichtern. Indem regionale Differenzen zwischen Produktion und Nachfrage geglättet werden, sinkt der Bedarf an gasbefeuerten Reservekapazitäten, und die Abregelung erneuerbarer Erzeugung bei überlasteten Netzen nimmt ab.

Für Verbraucher kann sich das in weniger Stromausfällen, stabileren Preisen und einem leichteren Weg zur Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie niederschlagen. Für Regierungen entstehen Spielräume, Strom grenzüberschreitend zu handeln, Reservekapazitäten zu teilen und die Abhängigkeit von einzelnen Gas- oder Kohlelieferanten zu reduzieren.

Wichtige Begriffe kurz entschlüsselt

In solchen Projekten tauchen immer wieder zwei Fachausdrücke auf:

  • HVDC (Hochspannungs-Gleichstrom): eine Technik, bei der Elektrizität in nur eine Richtung mit sehr hoher Spannung übertragen wird. Sie verringert Verluste über lange Strecken und ermöglicht eine präzise Steuerung von Leistungsflüssen zwischen Netzen, die nicht vollständig synchron laufen.
  • Interkonnektor: eine Leitung oder ein Kabel, das zwei getrennte Stromsysteme verbindet – oft in unterschiedlichen Regionen oder Ländern. Er dient als gemeinsame Reserve und als Kanal für den Energiehandel.

Praktisch kann ein HVDC-Interkonnektor zwischen zwei Ländern beispielsweise helfen, nachts überschüssigen Windstrom zu exportieren, während am Tag in Spitzenzeiten Wasserkraft- oder Kernenergie zurückfliesst. Diese gegenseitige Unterstützung entlastet beide Systeme.

Risiken, Chancen und mögliche Zukunftsbilder

Mit stärkerer Abhängigkeit von Untersee-Infrastruktur entstehen auch Verwundbarkeiten. Kabel können durch Anker getroffen, durch Erdbeben beschädigt oder in Konflikten gezielt angegriffen werden. Reparaturen sind kompliziert und vom Wetter abhängig. Versicherung, Überwachung und Redundanzen werden damit zu zentralen Bausteinen.

Gleichzeitig sind die Vorteile greifbar. Grenzüberschreitende Verbindungen können die Gesamtkosten der Dekarbonisierung von Stromsystemen senken. Tiefsee-Korridore erschliessen erneuerbare Ressourcen weit entfernt von grossen Ballungsräumen. Und industriell können Länder, die diese Nische beherrschen, hochwertige Arbeitsplätze in Schiffbau, Robotik, Leistungselektronik und modernen Werkstoffen sichern.

Wenn Projekte wie der Tyrrhenian Link funktionieren und ähnliche Verbindungen zunehmen, könnte Europa am Ende über ein dichtes Netz von Untersee-Arterien verfügen, durch die sowohl Elektronen als auch Daten fliessen. Für Frankreich würde ein solches Bild die oft düstere Debatte über die Industrie in ein anderes Licht rücken: in manchen Bereichen geschwächt – aber in einigen wenigen, die leise zählen, weiterhin präsent, Tausende Meter unter den Wellen.

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