Es wird deutlich: Regulierer haben weder Regeln noch Kontrollhebel über gigantische Rechenzentren
Während in den Büros der Energieversorger immer mehr Projektpläne für neue Rechenzentren landen – Anlagen, deren Strombedarf teils über dem ganzer Metropolen liegt –, schlagen Fachleute Alarm. Die North American Electric Reliability Corporation (NERC) räumt inzwischen offiziell ein, dass sie das Ausmass der Gefahr für die Stabilität des gesamten Stromsystems durch das ungebremste Wachstum von Rechenleistung erst zu begreifen beginnt.
NERC reagiert mit „Essential Actions“ für Rechenzentren
Anfang Mai setzte NERC ein deutliches Signal und veröffentlichte ein Paket aus sieben „notwendigen Massnahmen“ („Essential Actions“). Das zwölfseitige Dokument beschreibt unter anderem, wie Informationen bei Rechenzentrumsbetreibern systematisch abgefragt und Prüfprotokolle entwickelt werden sollen. Allerdings ist es erst der Auftakt eines Ordnungsversuchs in einem Bereich, der bislang in einer regulatorischen „Grauzone“ agierte.
Rechtslücke: Keine verpflichtenden Standards und keine Sanktionsmöglichkeiten
Der Kern des Problems ist ein rechtlicher Leerraum: Obwohl moderne Rechenzentren teils mehr Energie verbrauchen als viele Anlagen, die NERC registriert und überprüft, gelten für sie keine verbindlichen Zuverlässigkeitsstandards. In offiziellen Unterlagen hält NERC ausdrücklich fest, dass grosse Verbraucher nicht verpflichtet sind, die etablierten Vorgaben einzuhalten.
Hinzu kommt: Der Organisation fehlen derzeit die Befugnisse, bei Nichtbefolgung ihrer Empfehlungen Strafen zu verhängen. Neue verpflichtende Standards einzuführen ist ein Prozess, der sich über Jahre ziehen kann und umfangreiche Abstimmungen mit der US-amerikanischen Federal Energy Regulatory Commission (FERC) erfordert.
Technische Risiken durch IT-Lasten – und ein ungelöstes Kostenproblem
Komplizierter wird die Lage durch die technischen Eigenschaften moderner IT-Infrastruktur. Klassische Stromnetze sind nicht für „digitale Lasten, die sich jede Sekunde abrupt ändern können“ ausgelegt. In NERC-Berichten werden bereits Fälle genannt, in denen Generatoren aufgrund von Schwankungen ausfielen, die durch das elektronische Equipment in Rechenzentren ausgelöst wurden.
Gleichzeitig konzentrieren sich die regulatorischen Bemühungen bislang vor allem auf die technische Zuverlässigkeit – die Kostenfrage bleibt aussen vor.
Während staatliche Regulierer und Kommissionen darüber streiten, wer die Netzmodernisierung bezahlen soll, wälzen Versorger diese Ausgaben häufig auf normale Stromkundinnen und -kunden ab.
Eine weitere Ironie: Ausgerechnet die datengetriebene IT-Branche gibt Details zu ihrer Betriebsweise gegenüber Stromlieferanten nur ungern preis. Und während IT-Giganten versuchen, „schnell zu handeln und Hürden einzureissen“, kann der Energiesektor seinem Wesen nach nicht im selben Tempo umgebaut werden.
Expertinnen und Experten fordern deshalb rasche Reformen: Bestehende Kundinnen und Kunden sollen nicht aus eigener Tasche für Risiken und Ausfälle zahlen, die durch das schnelle Wachstum von KI-Industrie und Cloud-Computing entstehen.
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