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Dracula-Orchideen: 112.000 Pflanzen im CITES-Handel, fast 70 Prozent bedroht

Junge Frau im Gewächshaus hält eine violette Orchidee, Laptop und Kartons im Hintergrund.

In den nebligen Bergregenwäldern der Anden gibt es eine Pflanzengattung, die Wildtier- und Pflanzenhändler seit Jahren besonders im Blick haben.

Dabei geht es weder um Primaten noch um Reptilien – das Objekt der Begierde ist wesentlich subtiler und zugleich ein wenig unheimlich: Dracula-Orchideen.

Ihr Name klingt, als müssten sie nach Blut benannt sein.

Tatsächlich leitet sich die Bezeichnung der Gattung jedoch vom Lateinischen für „kleiner Drache“ ab – eine Anspielung auf die langen, dunklen, fangähnlichen Sepalen.

Als 1871 die erste Art aus den Westanden Kolumbiens nach Europa gelangte, beschrieben Botaniker des 19. Jahrhunderts die Blüten als „grotesk und launenhaft“ und sprachen von einer „unwiderstehlichen Anziehung“.

Fast sofort begannen Orchideenjäger, die Pflanzen in europäische Gewächshäuser zu verschiffen.

Diese Faszination ist bis heute nicht wirklich verschwunden.

Dracula-Orchideen zwischen Internetruhm und Sammeldruck

In sozialen Medien wurden die Orchideen zum Hit – nicht nur wegen ihres schaurigen Namens und der gothischen Anmutung, sondern auch, weil ihre Sepalen mitunter wie ein „Affengesicht“ wirken.

Viele Hobbyliebhaberinnen und -liebhaber sowie professionelle Gärtnereien handeln verantwortungsvoll mit kultivierten Pflanzen. Andere wiederum suchen weiterhin gezielt nach Exemplaren aus der Natur – und Dracula-Arten bilden dabei keine Ausnahme. Bei einer Pflanze, die womöglich nur in Beständen von wenigen Dutzend Individuen vorkommt, kann bereits eine einzige Sammelaktion verheerende Folgen haben.

„Auffällig bei Dracula-Orchideen ist der Kontrast zwischen ihrer enormen Popularität im Internet und dem fast vollständigen Mangel an Wissen, den wir über ihren Schutzstatus haben“, schrieb Diogo Veríssimo vom Institut für Umweltwandel der Universität Oxford im vergangenen Jahr.

Er war an einer Bewertung beteiligt, die ergab, dass fast 70 Prozent der 133 Arten dieser Gattung vom Aussterben bedroht sind.

„Oft gehen wir davon aus, dass Arten, die in sozialen Medien breit geteilt werden, gut untersucht sein müssen – doch bei diesen Orchideen ist das bei weitem nicht der Fall. Ihr viraler Ruhm hat sich nicht in Verständnis oder Schutz übersetzt, und genau deshalb ist die neue Bewertung so dringend“, sagte Veríssimo.

Nahezu alle bekannten Dracula-Orchideen sind Epiphyten: Sie klammern sich in den Nebelwäldern der Anden an Bäume, vor allem in Kolumbien und Ecuador.

Für 69 Prozent der Gattung sind weniger als sechs Fundorte irgendwo auf der Erde bekannt. Manche kommen nur in einem einzigen Tal vor.

Handel seit 1981: 112.000 Pflanzen und weltweite Umlaufwege

Eine neue Studie in Biological Conservation hat nun anhand von vier Jahrzehnten formaler Handelsdaten nachgezeichnet, wie sich diese „unwiderstehliche Anziehung“ im internationalen Handel niederschlägt.

Demnach wurden seit 1981 insgesamt 121 der 133 Arten – also 91 Prozent – legal und grenzüberschreitend gehandelt.

In Summe geht es um über 112.000 Einzelpflanzen, die über 25 Export- und 52 Importländer bewegt wurden.

Bemerkenswert ist dabei: Fast die Hälfte dieses Handels – 49 Prozent – stammte aus Ländern, in denen die jeweiligen Arten gar nicht natürlich vorkommen.

Die grösste einzelne Lieferung in der gesamten 42-jährigen Datenspur umfasste 4.650 Pflanzen von Dracula cordobae – einer Art, die weltweit ausschliesslich in Ecuador vorkommt. Trotzdem ging die Sendung 2004 von Taiwan nach Belgien.

Offiziell waren sämtliche dieser über 112.000 Pflanzen als künstlich vermehrt registriert. In mehr als vier Jahrzehnten wurde kein einziges Exemplar als aus der Wildnis entnommen deklariert.

Ob das vollständig verlässlich ist, bezweifeln die Forschenden.

„Bei neu beschriebenen oder erst kürzlich entdeckten Arten sind zentrale Merkmale der Lebensgeschichte – etwa die Langlebigkeit – häufig unbekannt oder es fehlt an empirischen wissenschaftlichen Belegen“, schrieb das Team um den Orchideenforscher Edicson Parra-Sánchez von der Universität Cambridge (Vereinigtes Königreich) in der Arbeit.

„Diese Unsicherheit erschwert die Bestimmung des Vermehrungsstatus und kann das Risiko erhöhen, dass aus Wildbeständen stammende Individuen fälschlich als künstlich vermehrt eingestuft werden.“

Tatsächlich wurden 89 Prozent aller Dracula-Arten ursprünglich anhand von Pflanzen wissenschaftlich beschrieben, die bereits in Gärtnereien standen – nicht anhand dokumentierter Wildpopulationen.

Viele dieser „Gründerpflanzen“ befanden sich dabei nicht einmal im Herkunftsland der jeweiligen Orchidee, sondern überwiegend in den Vereinigten Staaten. Nur 7 Prozent der Arten wurden jemals formal auf Basis bestätigter Wildpflanzen beschrieben.

Anders gesagt: Als viele dieser Orchideen wissenschaftlich benannt wurden, waren sie faktisch bereits im Umlauf. Das wirkt zumindest verdächtig.

Für die Gattung insgesamt lag die mittlere Zeitspanne zwischen formaler Erstbeschreibung und dem ersten Auftauchen im kommerziellen Handel bei 8 Jahren – bei Arten, die nach 1981 beschrieben wurden, sank dieser Wert auf 5.

18 Prozent der Arten gelangten innerhalb von zwei Jahren nach der Namensgebung in den Handel.

Eine Art, D. fuligifera, wurde sogar schon ein ganzes Jahr exportiert, bevor sie überhaupt formell beschrieben war.

D. anthracina ist lediglich von einem einzigen Waldfragment bekannt, in dem nur 17 adulte Pflanzen erfasst wurden. Trotzdem wird sie international seit dem Jahr gehandelt, in dem sie entdeckt wurde.

Rund 10 Prozent des gesamten dokumentierten Dracula-Handels – mehr als 11.000 Pflanzen – wurde lediglich als „Dracula sp.“ ohne Artnamen eingetragen. Dadurch bleibt unklar, welche Arten konkret gekauft und verkauft wurden.

Zusätzlich fanden die Autorinnen und Autoren in den offiziellen Datensätzen einzelne Verwechslungen und Ungenauigkeiten: eine Art, die in einer Sendung aus dem Jahr 2013 falsch etikettiert war; eine weitere, die über Jahre unter einem Namen gehandelt wurde, den Taxonominnen und Taxonomen später korrigierten; sowie zwei natürlich vorkommende Hybriden, die exportiert und erfasst wurden, als handele es sich um eigenständige Arten.

CITES: Von Anhang II zu Anhang I?

Derzeit ist Dracula im CITES-Anhang II gelistet, was einen regulierten Handel mit Genehmigungen ermöglicht.

Nach Ansicht der Studienautorinnen und -autoren reicht dieser Schutz nicht aus. Sie plädieren dafür, die Gattung in Anhang I hochzustufen – womit der internationale Handel zu kommerziellen Zwecken untersagt wäre.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Listung der Gattung in CITES Anhang I notwendig sein könnte, um eine weitere Erosion der evolutionären Geschichte zu verhindern“, schreiben die Forschenden.

Ein höheres Schutzniveau würde zudem dafür sorgen, dass zwischen der Entdeckung neuer Arten und ihrem Eintritt in den Handel zwangsläufig mehr Zeit vergeht.

Doch nicht einmal jede Dracula-Art schafft es überhaupt bis in die Handelsketten.

Drei Arten sind weiterhin so selten, dass sie praktisch nur auf dem Papier existieren. D. irmelinae hat zwar bekannte Wildbestände, wurde aber noch nie in Kultur nachgewiesen.

D. inexperata wurde bislang ausschliesslich an dem einen Standort kultiviert, an dem sie ursprünglich entdeckt wurde.

D. fafnir ist seit dem Tag ihrer formalen Beschreibung von niemandem mehr gesehen worden – weder in der Natur noch anderweitig.

Die Studie wurde in Biological Conservation veröffentlicht.


Dieser Beitrag wurde von Rachel Garner auf Fakten geprüft und von Michael Irving redigiert. Auch wenn wir grossen Wert auf unsere Abläufe legen, sind wir nur Menschen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, sagen Sie uns bitte Bescheid.

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