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Boxgrove: Ein Elefantenknochen-Hammer schärfte vor 500.000 Jahren Steinwerkzeuge

Mensch in prähistorischer Zeit schlägt mit Hammer auf Stein am Flussufer, weitere Personen im Hintergrund.

Vor fast einer halben Million Jahren dachten Frühmenschen im Gebiet des heutigen Südenglands bereits mehrere Schritte voraus. Zum Überleben brauchte es nicht nur Kraft, sondern auch Planung, Können und einen klugen Umgang mit den verfügbaren Rohstoffen.

Steinwerkzeuge standen im Zentrum des Alltags – sie dienten dazu, Fleisch zu zerteilen, Holz zu bearbeiten und Tiere zu verarbeiten. Doch selbst die schärfsten Kanten bleiben nicht dauerhaft intakt.

Ein seltener neuer Fund zeigt, wie Frühmenschen dieses Problem auf unerwartete Weise lösten: Sie machten aus Elefantenknochen ein präzises Arbeitsgerät.

Bei Ausgrabungen in Boxgrove legten Archäologinnen und Archäologen einen handlichen Hammer aus Elefantenknochen frei, der gezielt geformt und immer wieder genutzt wurde, um Steinwerkzeuge nachzuschärfen.

Eine detaillierte Auswertung durch Forschende des University College London (UCL) macht deutlich, dass es sich nicht um ein improvisiertes Objekt handelte.

Stattdessen weist der Fund auf vorausschauendes Handeln, ausgeprägtes Materialverständnis und eine erstaunlich fortgeschrittene Herangehensweise an die Werkzeugherstellung hin – lange bevor moderne Menschen auftraten.

Werkzeuge aus Elefantenknochen

In prähistorischem Südengland sind Reste von Elefanten und Mammuts selten. Ein Werkzeug aus Elefantenknochen in einer solchen Umgebung spricht daher für eine bewusste Auswahl.

Elefantenknochen ist den meisten anderen Tierknochen an Festigkeit und Zähigkeit überlegen. Besonders die Kompakta, also die dichte äussere Knochenschicht, bricht weniger leicht und nimmt wiederholte Schläge gut auf. Genau diese Eigenschaften eignen sich für präzise Arbeiten an Werkzeugen.

Das Stück ist etwa 10,9 cm lang und liegt gut in einer Hand. Seine dreieckige Form entstand nicht zufällig: Durch sorgfältiges Abschlagen wurden die Kanten geformt und das Fragment vor der Nutzung verkleinert.

Unter dem Mikroskop sind Spuren erkennbar, die von wiederholten Schlägen gegen Stein stammen. Zudem stecken winzige Feuersteinsplitter in Rillen der Knochenoberfläche – ein direkter Hinweis auf häufigen Kontakt mit Steinwerkzeugen.

Alles deutet darauf hin, dass das Objekt als weicher Hammer, auch Retuscheur genannt, diente. Weiche Hämmer ermöglichen eine besser dosierbare Kraftübertragung, was vor allem in den letzten Schärfphasen von Steinwerkzeugen entscheidend ist.

Elefantenknochen-Werkzeuge zum Nachschärfen von Stein

Steinhandäxte werden stumpf, wenn sie zum Zerschneiden von Fleisch oder zur Verarbeitung von Tieren eingesetzt werden. Um die Schneiden wiederherzustellen, müssen kleine Abschläge von der Steinoberfläche gelöst werden.

Mit einem harten Steinhämmerchen besteht dabei die Gefahr, dass das Werkzeug reißt oder unbrauchbar wird. Knochen sorgt für einen sanfteren Kontakt und zugleich für mehr Kontrolle.

Der Retuscheur aus Elefantenknochen traf die Steinkanten in flachen Winkeln. Viele leichte, wiederholte Schläge lösten kleine Splitter. Dadurch liessen sich Schneidkanten neu formen, ohne die Struktur des Werkzeugs zu beschädigen.

Die Abnutzungsspuren sprechen für Dutzende oder sogar Hunderte von Schlägen über einen längeren Zeitraum – also für wiederholtes Wiederverwenden statt eines einmaligen Einsatzes.

Einfallsreichtum früher menschlicher Vorfahren

Feine Kratzspuren im Mikroskop zeigen eine Gleitbewegung unmittelbar vor dem Aufprall. Solche Spuren deuten auf eine kontrollierte Handführung und einen stabilen Griff hin. Winkel, Druck und Richtung gezielt zu steuern, verlangt Planung und ausgeprägte motorische Fertigkeiten.

„Diese bemerkenswerte Entdeckung zeigt den Einfallsreichtum und die Findigkeit unserer uralten Vorfahren“, sagte Simon Parfitt vom UCL Institute of Archaeology.

„Sie verfügten nicht nur über ein tiefes Wissen über die lokalen Materialien um sie herum, sondern auch über ein anspruchsvolles Verständnis dafür, wie man hochgradig verfeinerte Steinwerkzeuge herstellt.“

„Elefantenknochen wäre eine seltene, aber sehr nützliche Ressource gewesen, und wahrscheinlich war dies ein Werkzeug von beträchtlichem Wert.“

Frühmenschen planten fürs Überleben voraus

Untersuchungen zeigen, dass die Frühmenschen in Boxgrove sowohl harte als auch weiche Hämmer einsetzten. Harte Feuersteinhämmer formten grobe Rohlinge nahe an den Vorkommen des Ausgangsmaterials. Weiche Hämmer aus Knochen und Geweih dienten später dazu, Kanten zu verfeinern – häufig in der Nähe von Schlacht- und Zerlegeplätzen.

Ein solches Vorgehen steht für Planung über Raum und Zeit hinweg. Elefantenknochen auszuwählen, ihn anderswo zu bearbeiten und anschliessend für spätere Arbeitsschritte mitzuführen, zeigt Weitsicht. Nicht jedes Werkzeug war nur für kurzfristige Zwecke gedacht. Manche wurden gepflegt, transportiert und immer wieder eingesetzt.

Die Spuren am Knochen sprechen dafür, dass die Formgebung erfolgte, solange der Knochen noch frisch war. Frischer Knochen gibt unter Kraft leicht nach – im Gegensatz zu trockenem Knochen.

Diese Elastizität erleichtert eine kontrollierte Bearbeitung. Die Hinweise legen nahe, dass die Vorbereitung kurz nach dem Tod des Tieres stattfand, jedoch nicht zwingend unmittelbar.

„Unsere uralten Vorfahren gingen sehr anspruchsvoll mit Werkzeugen um“, sagte Dr. Silvia Bello, Forscherin am Natural History Museum in London.

„Das Sammeln und Formen eines Elefantenknochenfragments und dessen wiederholte Nutzung, um Steinwerkzeuge zu formen und zu schärfen, zeigt ein fortgeschrittenes Niveau komplexen Denkens und abstrakter Vorstellungskraft.“

„Sie waren einfallsreiche Sammler der verfügbaren Materialien und verstanden gut, wie man sie am besten einsetzt.“

Ein grösseres Erbe der Werkzeugherstellung

Boxgrove gehört zur acheuléenzeitlichen Steinwerkzeug-Tradition – einer Technologie, die durch Handäxte geprägt ist und sich über mehr als eine Million Jahre in Afrika, Asien und Europa hielt.

Spätere acheuléenzeitliche Werkzeuge sind dünner, symmetrischer und verfügen über schärfere Kanten. Solche Verbesserungen hängen vom Einsatz weicher Hämmer ab. Knochen- und Geweihhämmer erlauben eine präzise Abnahme kleiner Abschläge und eine feinere Formgebung.

Retuscheure aus Elefantenknochen passen in diesen technologischen Wandel. Die Befunde aus Boxgrove zeigen, dass Frühmenschen anspruchsvolle Techniken des Abschlagens früher beherrschten, als lange angenommen.

In Afrika treten Werkzeuge aus Elefantenknochen deutlich früher auf, besonders an der Olduvai-Schlucht. In Europa bleiben Beispiele hingegen selten, bevor moderne Menschen eintrafen.

Boxgrove liefert nun das bislang älteste eindeutige europäische Beispiel für den Einsatz von Elefantenknochen zur präzisen Bearbeitung von Steingeräten.

Frühmenschliche Fähigkeiten neu bewerten

In Boxgrove wurden nur wenige Fragmente von Elefantenknochen gefunden. Gerade diese Seltenheit stützt die Annahme einer gezielten Auswahl und einer Nutzung über längere Zeit. Ein solches Werkzeug durch die Landschaft zu tragen, erforderte Aufwand und Absicht.

Der Retuscheur aus Elefantenknochen steht für Problemlösen, das über blosses Überleben hinausgeht. Können, Planung und Materialkenntnis prägten den Alltag bereits vor einer halben Million Jahren.

Frühmenschen passten sich an kühlere Klimabedingungen an, indem sie flexible Strategien und komplexe Werkzeugsätze nutzten. Ein einziges Knochenwerkzeug erzählt nun eine eindrückliche Geschichte menschlicher Kreativität – lange vor jeder schriftlichen Überlieferung.


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