Ein Jahr nach dem iberischen Blackout: Was ist passiert – und was wurde daraus?
Die Regierung wollte am 28. Januar die Schlussfolgerungen der technischen Beratungsgruppe vorstellen, die unmittelbar nach dem iberischen Blackout vom 28. April 2025 eingesetzt worden war. Der Plan: genau neun Monate nach dem Zusammenbruch des Stromnetzes in Portugal und Spanien sollten die Vorschläge dieses Expertengremiums veröffentlicht werden. Doch die angekündigten Ergebnisse wurden verschoben – und nicht ohne Grund: Ausgerechnet am 28. traf Kristin ein und zerstörte innerhalb kürzester Zeit Tausende Kilometer Leitungen von E-Redes.
An den Blackout und an den Einsatz jener, die die Versorgung wiederhergestellt haben, wird man sich erinnern. Inzwischen ist ein Jahr vergangen. Handeln wir wirklich mit der nötigen Sorgfalt, um neue Probleme zu verhindern?
Energiepolitik zwischen Planung und Umsetzung – und EU-Druck
Es stimmt: Energiepolitik entsteht nicht „auf einer Serviette“, auch wenn gute Ansätze mit ein paar Strichen auf einer Restaurant-Papierserviette beginnen können. Entscheidungen darüber, wie und zu welchem Preis wir Energie nutzen, bedeuten langfristige Investitionen und Vorhaben, die weit über eine Legislaturperiode hinausreichen. Doch selbst der ambitionierteste und bestgemeinte Energieplan nützt wenig: Eine gute Strategie ist wertlos, wenn die Umsetzung schlecht ist.
In dieser Woche hat die Europäische Kommission Portugal eine begründete Stellungnahme übermittelt, weil das Land die neuen EU-Regeln zur Marktgestaltung nicht in nationales Recht übertragen hat. Ziel dieser Regeln ist es, Strompreise zu stabilisieren und sie weniger abhängig von fossilen Brennstoffen zu machen. Die Mitgliedstaaten mussten die Richtlinie 2024/1711 bis Januar 2025 umsetzen – mit Ausnahme einiger Bestimmungen, die bis Juli 2026 zu konkretisieren sind. Die ersten Schreiben aus Brüssel an jene Länder, die die Frist verpasst hatten, stammen aus März 2025. Erst im Oktober 2025 stellte die Regierung den Gesetzesentwurf zur öffentlichen Konsultation. Da die Kommission mit den erhaltenen Erklärungen unzufrieden ist, räumt sie Portugal (sowie Kroatien und Polen) nun zwei Monate ein, um die offenen Punkte zu erledigen.
Hinzu kommt: Brüssel hat entschieden, Portugal, Griechenland und Malta vor den Gerichtshof der Europäischen Union zu bringen – wegen Nichtumsetzung der EU-Richtlinie 2023/2413 zur Beschleunigung der erneuerbaren Energien. Die Mitgliedstaaten mussten den Grossteil der Vorgaben bis Mai 2025 in nationales Recht überführen. Brüssel warnte die säumigen Länder im Juli und legte im Dezember eine begründete Stellungnahme nach. Ein Jahr nach Ablauf der Frist ist Portugal weiterhin nicht fertig – obwohl das Land in den vergangenen zehn Jahren beim Ausbau grüner Energie durchaus beachtlich zugelegt hat.
Auch heute zeigt ein Bericht der Überwachungskommission des PRR, dass mehrere Projekte mit EU-Finanzierung Gefahr laufen zu scheitern. Eines davon ist der One-Stop-Shop für Genehmigungen und die Begleitung von Projekten für erneuerbare Energien.
Zusagen nach dem Blackout: Fortschritt – und besonders zähe Baustellen
Der iberische Blackout, der in dieser Woche sein einjähriges Jubiläum hatte, war ein Warnsignal: Protokolle müssen überprüft, die Prävention gestärkt und kritische Infrastrukturen geschützt werden. Der Sturmzug zu Jahresbeginn hat die Dringlichkeit in diesen Bereichen zusätzlich verschärft. Doch ein Jahr nach dem Blackout – selbst wenn der Kollaps nicht in Portugal seinen Ursprung hatte – wird deutlich, dass die im Juli 2025 gemachten Versprechen noch längst nicht vollständig erfüllt sind.
Die Regierung hält dagegen: Von den 31 angekündigten Massnahmen seien 21 bereits abgeschlossen, rund zehn seien „in Arbeit“ (sprich: noch nicht umgesetzt). In diesem Juli-Paket stachen einige Punkte besonders hervor.
So war die Erhöhung von zwei auf vier Kraftwerke mit autonomer Anfahrfähigkeit (Black Start) für den Fall eines Blackouts zwar eine der Massnahmen – allerdings war sie bereits vor dem Blackout vertraglich gesichert. Die Investition von 137 Mio. € zur Verbesserung von Betrieb und Steuerung des Stromnetzes, gemäss dem von REN vorgeschlagenen Investitionsplan, ist zwar inzwischen von der Regierung genehmigt worden. Doch REN hat die Geräte noch nicht beschafft: Zunächst werden die technischen Spezifikationen geprüft, um dann die Beschaffungsauktionen auszuschreiben (und bei massgeschneiderter Technik braucht auch die Lieferung ihre Zeit). Unter den Massnahmen führt die Regierung verschiedene Punkte als erledigt auf, darunter etwa die Überarbeitung von Verfahren für Übungen und Audits.
Mehrere kritische Punkte kommen jedoch nur schleppend voran. Versprochen war eine Auktion für Systemdienstleistungen für 750 MW Batterien für Januar 2026 – sie hat nicht stattgefunden. Ebenfalls zugesagt wurden 25 Mio. € an Fördermitteln zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit kritischer Infrastrukturen (etwa mit Solarmodulen und Batterien). Auch das ist bislang nicht Realität.
Trotz der Langsamkeit bei mehreren Prozessen lässt sich jedoch nicht behaupten, dass gar nichts geschieht, um das Stromsystem robuster zu machen. Die Regierung arbeitet beispielsweise an einem Mechanismus, der langfristige Vertragsabschlüsse fördern soll – wie wir gerade hier bei Expresso offengelegt haben.
Batterien/BESS als Schlüssel: Netzflexibilität, Kosten und Genehmigungschaos
Wenn es um ein resilienteres Stromsystem geht, ist das Thema Batterien zentral (während der Nuklear-Debatte offenbar noch „die nötige Batterie“ fehlt, um sich eindeutig als Lösung zu behaupten). Die Flexibilität, die Batteriespeicher im Netzbetrieb ermöglichen, die Systemdienstleistungen, die sie bereitstellen können, sowie ihre Fähigkeit, Preise zu glätten und mehr Investitionen in saubere Energie anzureizen – all das zusammen müsste Batterien zu einer Priorität machen.
Daten von Red Eléctrica in Spanien zeigen: Im März lagen die Ausgleichsleistungen am Strommarkt durchschnittlich bei 30 € pro MWh (das entspricht 3 Cent pro kWh) – mehr als im Februar und auch mehr als im Mai 2025, dem ersten Monat nach dem Blackout. Die technischen Restriktionen des Strommarktes auf der Iberischen Halbinsel haben im letzten Jahr spürbar zur Stromrechnung beigetragen. Alles, was die iberischen Regierungen tun können, um mehr Wettbewerb bei der Erbringung von Systemdienstleistungen zu ermöglichen, ist daher wichtig, um die Mehrkosten einer vorsichtigeren Netzführung in der Zeit nach dem Blackout zu dämpfen.
Der Regierung dürfte die Bedeutung von Speicherlösungen in einem Umfeld zunehmender Elektrifizierung des Energieverbrauchs bewusst sein. Der diese Woche vorgestellte PTRR listet Investitionen von 500 Mio. € für den Zeitraum 2027 bis 2029 in Speicher – sowohl Pumpspeicher als auch Batterien –, ohne jedoch auszuführen, wie diese Vorhaben konkret gefördert werden sollen. Unter dem Dach des PRR waren bereits 180 Mio. € für Batterieprojekte angekündigt worden. Vor Ort ist die tatsächlich an das nationale Stromnetz angeschlossene Leistung jedoch, laut REN-Daten, minimal: Im März waren es 19 MW Batterien – das sind nicht einmal 0,4% der von der Übertragungsnetzbetreiberin gemeldeten Photovoltaikleistung.
Lithium-Batterien gelten inzwischen als zunehmend ausgereifte Technologie, und zahlreiche Unternehmen zeigen Interesse; das Investitionspotenzial solcher Projekte ist gross. Gleichzeitig stossen Projektträger auf unterschiedliche Auslegungen der kommunalen Verantwortlichen in Genehmigungsverfahren (die Klage, dass jede Gemeinde anders entscheidet, ist nicht neu – und betrifft nicht nur Energieprojekte).
Vor wenigen Tagen veröffentlichte die DGEG – deren Leitung im Abgang ist und damit eine Stelle in einer staatlichen Institution frei wird, zu der Projektentwickler weiterhin ein distanziertes Verhältnis pflegen – eine technisch-juristische Einordnung. Darin wird festgelegt, dass Batterieparks das gleiche städtebauliche Regime erhalten sollen wie die Solar- oder Windanlagen, an die die Batterien angeschlossen werden. Ob das ausreichen wird, um die „divergierenden kommunalen Positionen“ bei Batteriegenehmigungen zu beenden, ist vorerst unklar. Sicher ist nur: Es ist ein weiterer Abschnitt in der langen Geschichte des holprigen Projektwegs im portugiesischen Energiesektor – wo das bürokratische Geflecht weiterhin schwer auf der Umsetzung jener Ziele lastet, die in Aktionsplänen, Langfriststrategien und anderen Resilienzversprechen niedergeschrieben sind.
Und wo wir gerade beim PTRR sind: Neben dem Versprechen von 100 Mio. € Investitionen in Eigenverbrauch und erneuerbare Energiegemeinschaften auf lange Sicht (sprich: zwischen 2030 und 2034) heisst es dort auch, dass Portugal mittelfristig einen Stresstest für das Energiesystem durchführen wird (irgendwann zwischen 2027 und 2029). Ohne zu wissen, wie viel Eile die Regierung bei Terminierung und Umsetzung der umfangreichen PTRR-Agenda tatsächlich an den Tag legen wird, bleibt nur, auf die natürliche Widerstandskraft des Landes zu vertrauen – und sich nicht übermässig über die Trägheit zu sorgen, ob konventionell oder synthetisch, jener, die entscheiden können. Denn zu viel Unruhe im Leben kann auch zu Problemen mit Spannung führen. Und die gilt es – wie wir seit dem 28. April 2025 nur zu gut wissen – zu vermeiden.
ENTSCHLÜSSELUNG
BESS. Das ist die Abkürzung für den englischen Ausdruck „Battery Energy Storage System“, also Batteriespeichersysteme (am häufigsten auf Basis von Lithium-Ionen-Batterien). Solche Batterieparks können entweder eigenständig errichtet werden (die Batterien werden mit Netzstrom geladen, um die Energie später wieder ins Netz zu verkaufen; das Geschäftsmodell basiert auf Preisunterschieden im Tagesverlauf) oder an Solar- und Windparks gekoppelt sein (sie nehmen einen Teil der Produktion auf und verhindern Abregelungen bei einem Überangebot gegenüber der Nachfrage – insbesondere dann, wenn der Marktpreis negative Werte annimmt).
UND ES LOHNT SICH ZU LESEN
Die Internationale Energieagentur und das Europäische Patentamt haben am Mittwoch den Bericht „Battery circularity“ veröffentlicht. Er widmet sich Lösungen, um Batterien ein zweites Leben zu geben oder Materialien aus End-of-Life-Batterien für neue Zwecke zu nutzen. Mit der Ausweitung des Geschäfts rund um Elektroautos wird es in den kommenden Jahren wichtig sein, die Wertschöpfungsketten für Batterierecycling vorzubereiten. Der Bericht kann hier gelesen werden.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Wenn Sie einen Kommentar, eine Frage oder einen Vorschlag haben, können Sie eine E-Mail an [email protected] senden. Die nächste Ausgabe des Newsletters erreicht die Abonnentinnen und Abonnenten von Expresso am 14. Mai. Bis dahin finden Sie bei Expresso noch mehr zum Thema Energie. Bis bald!
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