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Ameisenköniginnen der Schwarzen Gartenameise (Lasius niger) betreiben hygienischen Kannibalismus

Nahaufnahme einer Ameise auf Erde mit Larven, eine Larve wird zum Transport gehalten.

Ameisenmütter gelten als Meisterinnen der harten Schule: Für Kränkeln und Umsorgen bleibt ihnen keine Zeit.

Wird eine frisch geschlüpfte Schwarze Gartenameise einem Krankheitserreger ausgesetzt, haben Forschende in den USA beobachtet, dass die Königin jedes Stück des wurmförmigen Larvenkörpers verschlingt, noch bevor das Tier ansteckend wird.

Ameisenköniginnen und „hygienischer Kannibalismus“

Dieses Verhalten, das als „hygienischer Kannibalismus“ bezeichnet wird, verhindert, dass sich andere Larven oder die Königin selbst infizieren, während alle gemeinsam in einem Nest eingeschlossen sind. Gleichzeitig liefert es der Mutter zusätzliche Energie, um in der nächsten Runde mehr Eier zu produzieren.

„Ameisenköniginnen gründen ihre Kolonien allein und hungern sich im Grunde aus, um ihre ersten Arbeiterinnen aufzuziehen“, erklärt der Biologe Flynn Bizzell von der University of Oxford.

„Die Königinnen, die die meisten Arbeiterinnen hervorbringen, haben die besten Überlebenschancen; infizierte Larven zu fressen und ihre Nährstoffe wieder in die Brutproduktion zurückzuführen, bedeutet, dass wertvolle Ressourcen nicht verschwendet werden.“

Bizzell und sein Kollege Christopher Pull, ebenfalls Biologe an der University of Oxford, stellten zudem fest, dass Arbeiterinnen in bereits etablierten Kolonien nicht dieselbe kannibalistische Neigung zeigen.

In einigen Ameisenarten wurden Arbeiterinnen und Soldaten sogar dabei beobachtet, wie sie kranke oder verletzte Nestgenossinnen mit „Medizin“ versorgen oder lebensrettende Eingriffe durchführen. In der Kinderstube der Schwarzen Gartenameise (Lasius niger) reicht so etwas jedoch nicht aus – besonders nicht, wenn die Kolonie gerade erst entsteht.

Warum die Königin im Startnest keine Alternative hat

In dieser heiklen Phase können Königinnen kranke Larven nicht einfach aus dem Nest schleppen. Sie sind zusammen mit ihrem Nachwuchs eingeschlossen, dicht gedrängt und ohne Hilfe.

Unter diesen Bedingungen ist das Risiko, dass sich eine Infektion ausbreitet, für eine Königin zu gross, um es zu ignorieren. Erkennt sie einen Erreger im Nest, entfernt sie so schnell wie möglich jede infizierte Larve, die sie finden kann.

Wenn es sein muss, so zeigten die Forschenden, frisst die Königin 92 Prozent der infizierten Larven. Königinnen, die so vorgehen, können in der nächsten Runde 55 Prozent mehr Eier legen.

Experimente mit Lasius niger: fünf Larven pro Königin

In ihren jüngsten Versuchen setzten Bizzell und Pull pro Königin fünf Larven den infektiösen Sporen eines pilzlichen Krankheitserregers aus.

Anschliessend liessen sie die Larven 24 Stunden unbehelligt, damit sich die tödliche Infektion entwickeln konnte – in diesem Stadium waren die Tiere allerdings noch nicht ansteckend. Nachdem die infizierten Larven ins Nest zurückgebracht worden waren, beobachteten die Forschenden, wie die Königinnen reagierten.

Mehrere Stunden lang kauten die Mütter. Sie verzehrten fast alle kranken Individuen, liessen aber die meisten gesunden am Leben.

Der Pilzerreger schien den Königinnen nicht zu schaden, selbst nachdem sie ihn gefressen hatten. Bizzell und Pull vermuten, dass die Ameisen sich dabei irgendwie von innen heraus schützen.

Schutz von innen: Drüsengift und die Grenzen der Strategie

Vor und nach den Beobachtungen, in denen sich die Königinnen über ihren Nachwuchs hermachten, bemerkten die beiden Biologen, dass einige Tiere eine Drüse am Hinterleib putzten. Diese Drüse produziert ein saures, antimikrobielles Gift, und durch das Schlucken des Gifts könnten Ameisen den Erreger im Darm möglicherweise neutralisieren.

In weiteren Tests, bei denen Königinnen kranke Larven erhielten, die bereits gestorben waren und schon Fruchtkörper mit infektiösen Sporen bildeten, putzten die Königinnen die Kadaver und besprühten sie mit dem Drüsengift.

Dieses Infektionsstadium ist für die Königin jedoch offenbar besonders gefährlich. Selbst nachdem sie die Larven besprüht hatte, starb die Königin fast 80 Prozent der Zeit an der Infektionskrankheit.

Überlebte die Königin, überlebte ihre Brut nicht: Sie ging vollständig durch Sekundärinfektionen verloren. Umso wichtiger ist es, früh zu handeln, bevor sich der Erreger ausbreiten kann.

Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass Ameisenköniginnen ihren Nachwuchs als adaptive Reaktion auf Krankheit fressen – und damit ihr eigenes Leben sowie das ihrer Nachkommen, jetzt und in Zukunft, schützen.

Es gibt kaum etwas Vergleichbares wie die Fürsorge einer Mutter.

Die Studie wurde in Current Biology veröffentlicht.

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