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Ein neuer UN-Bericht warnt vor „Wasserbankrott“

Wissenschaftlerin misst Wasserqualität an einem ausgetrockneten Flussbett mit Tablet und Messgerät.

Ein neuer Bericht der Vereinten Nationen warnt, dass die Menschheit in eine Phase eingetreten ist, die Forschende als „Wasserbankrott“ bezeichnen. In vielen Gegenden reichen die jährlichen Niederschläge und die Abflüsse der Flüsse nicht mehr aus, um den Bedarf zu decken.

Als Reaktion darauf zapfen immer mehr Staaten ihre Grundwasservorräte an – Reserven, deren Wiederauffüllung Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dauern kann.

Wie gross die Dimension bereits ist, zeigt sich deutlich: Der Bericht schätzt, dass drei von vier Menschen in Ländern leben, die unter Wasserknappheit, Verschmutzung oder Dürre leiden, und dass rund vier Milliarden Menschen mindestens einen Monat pro Jahr Wasserknappheit erleben.

Zudem kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass etwa 70 Prozent der grossen Grundwasserleiter inzwischen schrumpfen. Das weckt die Sorge, dass sich manche Verluste nur schwer – oder womöglich gar nicht – rückgängig machen lassen.

Was „Wasserbankrott“ konkret bedeutet

Der Autor des Berichts, Kaveh Madani von der UN University Institute for Water, Environment and Health (INWEH), macht das Problem mit einem Geldvergleich greifbar.

Madani erklärte, das „Girokonto“ der Welt – also Oberflächenwasser wie Flüsse, Seen und saisonaler Abfluss – werde im Grunde leergeräumt.

Er ergänzte, dass die geerbten „Ersparnisse“ der Menschheit – Grundwasser, Gletscher und andere langfristige Speicher – ebenfalls aufgezehrt werden.

Die wachsende Zahl sichtbarer Krisen weltweit, darunter zunehmende Wasserengpässe, wirke wie klassische Warnsignale eines Bankrotts, sagte er.

Dieser Vergleich ist wichtig, weil er die Gefahr verdeutlicht, Grundwasser als Notfallplan zu behandeln. Wer laufende Monatsausgaben aus Ersparnissen bezahlt, kommt zwar eine Zeit lang über die Runden – bewegt sich aber unbemerkt in Richtung Zusammenbruch.

Wasserknappheit nimmt weltweit zu

Der Bericht nennt zwei Ursachen, die in vielen Regionen immer wieder auftauchen. Erstens dehnen sich Landwirtschaft und Städte in trockene Gebiete aus.

Zweitens verschärft die globale Erwärmung die Lage: Schon heute aride Regionen werden noch trockener, gleichzeitig steigen Verdunstung und Unsicherheit bei Niederschlägen.

An Beispielen zeigt der Bericht, wie sich das vor Ort ausprägt. In der Türkei wird das Pumpen von Grundwasser mit dem Auftreten von fast 700 Erdfällen in Verbindung gebracht. In Beijing haben Staubstürme, die mit der Wüstenbildung zusammenhängen, Hunderte Menschen getötet.

Das sind keine „Risiken der Zukunft“. Es sind Symptome der Gegenwart – Anzeichen dafür, dass Land- und Wassersysteme über ihre Belastungsgrenzen hinaus beansprucht werden.

Wenn Wasserknappheit eskaliert

Der Bericht verknüpft Wasserstress mit breiterer gesellschaftlicher Instabilität. Wasserknappheit wird als ein Faktor beschrieben, der Migration, Konflikte und Unruhen anheizen kann.

Madani, der früher als stellvertretender Leiter der iranischen Umweltbehörde tätig war, sagte, Wasserengpässe hätten mit dazu beigetragen, die Bedingungen für die jüngsten gewaltsamen Proteste im Iran zu schaffen.

Sein Kernargument: Versagen Wassersysteme, geraten Arbeitsplätze und Alltag gleich mit ins Wanken – und politische Stabilität lässt sich deutlich schwerer aufrechterhalten.

Der Iran dient zudem als Fallbeispiel dafür, wie sich mehrere Belastungen überlagern können. Das Land erlebte den trockensten Herbst seit 50 Jahren.

Gleichzeitig hat eine Welle von Dämmen und Brunnen, die mit der Landwirtschaft zusammenhängen, den Urmia-See – einst der grösste See des Nahen Ostens – nahezu austrocknen lassen und zudem grosse Teile des Grundwassers im Land erschöpft.

Der Text merkt an, dass die Regierung sogar die Idee ins Spiel gebracht hat, Teheran zu evakuieren, und dass sie Wolkenimpfung ausprobiert hat, um Niederschläge auszulösen.

Lehren vom Colorado River

Der Bericht richtet den Blick auch auf den Westen der USA, wo der Colorado River eine riesige Region mit Wasser versorgt.

Der Abfluss des Flusses ist über zwei Jahrzehnte hinweg schätzungsweise um 20 Prozent gesunken – vor allem wegen geringerer Niederschläge und stärkerer Verdunstung.

Die Studie betont ausserdem, dass menschliche Entscheidungen die Lage verschärfen, insbesondere durch umfangreiche Umleitungen für die Landwirtschaft. Dazu gehört auch der Anbau von Futtermitteln für Rinder in der Rindfleisch- und Milchproduktion.

Gleichzeitig sind grosse Städte wie Los Angeles beim Trinkwasser auf denselben Fluss angewiesen. Wie bei einer wachsenden Zahl von Flüssen weltweit erreicht der Colorado zunehmend das Meer nicht mehr.

Die beiden wichtigsten Stauseen des Flusssystems sind derzeit nur noch zu etwa 30 Prozent gefüllt. Bradley Udall von der Colorado State University warnte, das System könne „Totvolumen“ erreichen – den Punkt, an dem die Wasserstände zu niedrig sind, um noch durch die Dämme fliessen zu können –, falls die Speicher auf etwa 10 bis 15 Prozent absinken.

Udall zufolge könnte das bereits 2027 eintreten. Forschende berichten zudem, dass die Verhandlungen über staatenweise Wasserkürzungen im vergangenen Jahr gescheitert sind.

Die Lage zeigt, wie schwer sich Entscheidungstragende damit tun, Reduktionen auszuhandeln, wenn mehrere Volkswirtschaften von derselben schrumpfenden Ressource abhängig sind.

Effizienz allein kann nach hinten losgehen

Ein überraschender Punkt ist, dass eine höhere Effizienz in der Landwirtschaft den Wasserverbrauch nicht automatisch senkt – in manchen Fällen kann er sogar steigen.

Udall erklärte, dass beim Umstieg auf Tröpfchen- oder Sprinklerbewässerung mehr Wasser von den Pflanzen aufgenommen wird, statt oberflächlich abzufliessen.

Das klingt zunächst positiv, kann aber die Menge verringern, die in Flüsse zurückkehrt und damit nachgelagerten Nutzenden zur Verfügung steht. Effizienzprogramme helfen daher nur, wenn sie mit echten Kürzungen des gesamten Wasserverbrauchs kombiniert werden.

Udall unterstrich zudem, dass wirksame Lösungen beim Ackerbau ansetzen müssen, weil die Landwirtschaft den überwiegenden Teil des weltweiten Süsswassers verbraucht.

Die unangenehme Wahrheit sei, dass Einschnitte in der Landwirtschaft zentral sein werden – und dass es sich nicht um ein reines US-Problem handelt, sondern um ein globales.

Wasser in der Landwirtschaft zu kürzen ist kompliziert

Der Text tut nicht so, als wäre das leicht. Etwa die Hälfte der weltweiten Nahrungsmittelproduktion findet in Regionen statt, in denen die Wasserspeicher schrumpfen. Und für mehr als 1 Milliarde Menschen ist Landwirtschaft die Existenzgrundlage – viele von ihnen leben in Ländern mit niedrigerem Einkommen.

Gerade diese Länder exportieren häufig Lebensmittel in wohlhabendere Staaten mit dienstleistungsorientierten Volkswirtschaften. Wer also sagt „nutzt in der Landwirtschaft einfach weniger Wasser“, blendet oft die menschlichen Folgen aus.

Madani sagte, Wasser sei eng mit Beschäftigung und wirtschaftlicher Stabilität verflochten. Wenn Menschen ihre wasserabhängigen Lebensgrundlagen verlieren, könnten die sozialen Auswirkungen unmittelbar und explosiv sein, argumentierte er.

Verschmutzung verschärft die Krise

Selbst Länder, die auf den ersten Blick wasserreich wirken, geraten unter Druck. Der Artikel stellt fest, dass Rechenzentren zunehmend Wasser verbrauchen, während Verschmutzung aus Industrie, Abwasser, Düngemitteln und Gülle Wasser unbrauchbar macht.

Ein weiteres zentrales Thema sind Feuchtgebiete. Laut Artikel ist eine Fläche an Feuchtgebieten verloren gegangen, die ungefähr der Grösse der Europäischen Union entspricht – überwiegend, weil sie in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt wurde.

Diese Entwicklung hat enorme Kosten: geschätzt $5.1 trillion an Ökosystemleistungen, darunter Hochwasserschutz, Nahrungsmittelproduktion und Kohlenstoffspeicherung.

Forschende heben Bangladesch als Beispiel hervor, wo Wasser vorhanden ist, aber sicheres Wasser fehlt. Durch Meeresspiegelanstieg und Salzwassereintrag sei etwa die Hälfte des Brunnenwassers des Landes mit Arsen belastet.

In Dhaka beschreibt der Artikel sowohl Leitungswasser als auch einen „toten Fluss“, der durch Chemikalien verschmutzt ist, die mit der Fast-Fashion-Produktion für Exportmärkte in Verbindung stehen.

Sonia Hoque von der University of Oxford sagte, die Menschen in Bangladesch wüssten, woher ein grosser Teil der Flussverschmutzung komme. Sie fügte jedoch hinzu, dass strenge Regulierung politisch heikel sei, weil die Sorge bestehe, internationale Abnehmende könnten dann abspringen.

Wasser zuerst zählen, dann managen

Das Fazit des Berichts lautet nicht „Panik“. Es ist eher: „werdet erwachsen“.

Madani argumentiert, dass die Menschheit lernen müsse, mit weniger Wasser auszukommen, und dass dies mit besserem Management möglich sei. Gleichzeitig seien viele Länder noch nicht einmal beim Allereinfachsten angekommen: sauber zu bilanzieren, was vorhanden ist und was verbraucht wird.

Deshalb ergebe es keinen Sinn, spektakulären Lösungen wie Wolkenimpfung hinterherzujagen, wenn nicht einmal eine klare Wasserbilanz existiert.

Madani betonte, dass flächendeckende Messung – Wasserzähler in Haushalten, Brunnen und Ableitungskanälen – zuerst kommen müsse, weil man nicht steuern könne, was man nicht erfasst.

Sein Grundgedanke ist schlicht: Bevor die Welt aufhören kann, ihr Wasserkonto zu überziehen, muss sie die Zahlen kennen.

Erst dann können Regierungen realistische Pläne erstellen, statt von Dürre zu Notfall zu Protest zu taumeln – in der Hoffnung, die nächste Regenzeit werde alles richten.

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